Das "Kismet" der Freiheit

"Dönmez direkt" am 13.2.2016 in den OÖNachrichten

Die Flüchtlingsthematik sorgt für heftige Diskussionen, sei es in den Medien, in den sozialen Netzwerken oder am Stammtisch.

Immer mehr, auch unterschwellig hasserfüllte, Informationen werden gestreut, um Stimmung zu machen. Eines ist klar, wenn man jemanden hasst, muss zuerst die eigene Seele verletzt worden sein. Ist man selbst voller Gift, kann man dann andere damit bewerfen. Ein Mensch voller Angst trägt oft viel Hass in sich. Ein Mensch, der voller Angst ist, ist oft auch voller Wut. Angst und Wut sind in Zeiten wie diesen mehr als genügend vorhanden. Die Orientierungslosigkeit in der Politik hat unter anderem hierfür den Nährboden aufbereitet.

Steigende Arbeitslosenzahlen, ein Mittelstand, der unter Abstiegsängsten leidet, Gemeinden und Bürgermeister, die sich ungehört und alleine gelassen fühlen mit der komplexen Flüchtlingsthematik u.v.m. Wir müssen den Flüchtlingen unmissverständlich klarmachen, dass Freiheit auch bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Wenn sie die Verantwortung nicht für sich selbst übernehmen, werden sie niemals stark werden, niemals unabhängig, werden sie trotz in Freiheit zu sein niemals die Freiheit kosten können. Deswegen wäre es wichtig, von Anfang an gerade die Frauen zu stärken und die Rahmenbedingungen so zu gestalten, damit Sprache und Werte erlernt werden können. Der Grad der Freiheit wird an der Stellung der Frau in der Gesellschaft gemessen. In den Gesellschaften, aus denen die meisten Flüchtlinge kommen, ist es um den Stellenwert der Frau nicht gut bestellt. Es gibt kein "Kismet" (Schicksal), wie vieles von Muslimen immer umschrieben wird, sodass etwas als Schicksal oder Bestimmung hingenommen werden muss. Wir müssen ihnen klarmachen, dass sie damit versuchen, die Verantwortung auf etwas zu übertragen, was nicht existiert. Ob die Freiheit, die sie nun haben, sie zu Höherem führt, werden wir erst in einigen Jahrzehnten messen können.

Was jetzt schon bei einigen Flüchtlingen ersichtlich ist: dass sie Freiheit mit Verantwortungslosigkeit und Zügellosigkeit verwechseln. Genauso verantwortungslos ist es, alle Flüchtlinge über einen Kamm zu scheren und Stimmung in die eine oder andere Richtung zu verstärken. Freiheit kann nicht durch religiöse oder politische Autoritäten, wie in vielen islamischen Ländern, erzwungen werden. Leute, die Angst machen, haben selber viel Angst. Was wir brauchen ist Mut. Mut voller Angst zu sein, aber sich nicht von ihr beherrschen zu lassen. Wir benötigen einen kühlen Kopf, um uns so unaufgeregt wie möglich den gesellschaftlichen Herausforderungen stellen zu können. Zur Erkenntnis, dass Agieren besser als Reagieren ist und dass Angst fesselt, Freiheit aber Flügel verleiht, müssen zu allererst unsere Politiker kommen!

Efgani Dönmez ist ehemaliger Bundesrat der Grünen.

Anmerkungen von atheisten-info:

Angst lässt sich nicht wegreden, sie lässt sich auch nicht einreden, aber bereits vorhandene Angst kann verstärkt werden. Denn Menschen, denen irgendwelche Umstände und Zustände Angst und Sorgen bereiten, fühlen sich angenommen und unterstützt, wenn jemand ihre Ängste und Sorgen teilt, sie fühlen sich zurückgestoßen, wenn ihre Ängste und Sorgen nicht akzeptiert werden. Darum wirken als "Aufklärung" gemeinte Anti-Angst-Argumente überwiegend angstverstärkend.

Die im Sommer und Herbst 2015 losgebrochene Flüchtlingswelle über die Balkanroute hat bei über 80 % der Bevölkerung deutlich Angst und Besorgnis hervorgerufen. Die aktiven Vertreter einer Willkommenskultur sind eine kleine Minderheit, die als Aufnötiger von neuen Belastungen, ja Bedrohungen wahrgenommen werden, was dann zum Sinneseindruck führt: "ich soll allen helfen, aber mir hilft keiner".

Menschen, die Angst haben, fühlen sich missachtet und herabgesetzt, was ihre Ablehnung weiter verstärkt. Aber die völlig weltfremde Klasse der "Gutmenschen" kann das nicht einmal wahrnehmen, geschweige nachvollziehen. Den Strache und seine FPÖ wird's freuen und die Gutmenschen können sich in ihrer Naivität und ihrer sich selbst bestätigenden wunderbar guten Wunderwelt die wirkliche Welt nicht mehr erklären.