Religion als Kitt oder Keil...

Am 30.4.2017 berichtete der ORF unter dem Titel "De Maiziere legt Thesen für 'Leitkultur' vor" über die diesbezüglichen Thesen des deutschen Innenministers, u.a. hieß im ORF-Artikel:  

"Zur Rolle der Religion schrieb der deutsche Innenminister unter anderem, sie müsse 'Kitt und nicht Keil der Gesellschaft' sein. 'Unser Staat ist weltanschaulich neutral, aber den Kirchen und Religionsgemeinschaften freundlich zugewandt.' Grundlage für den religiösen Frieden im Land sei aber der 'unbedingte Vorrang des Rechts über alle religiösen Regeln im staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben'."

Beim Googeln nach Kitt und Keil wurde ein Artikel in der ZEIT vom November 2016 gefunden, in welchem Manfred Weber, Fraktionsvorsitzender der Christdemokraten (EVP) im Europäischen Parlament und Stellvertretender Parteivorsitzender der CSU, Mitglied Zentralkomitees der deutschen Katholiken unter dem Titel "Wir sind Teil des sozialen Kitts" folgende Thesen über den religiösen Kitt verbreitet.

Hier die Worte Webers mit atheistischen Anmerkungen:
Weber:
Unsere Zeit ist von enormen Unsicherheiten und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt. Menschen suchen nach Orientierung und Halt. Gerade jetzt braucht es die gesellschaftliche Kraft der Kirchen und ihre deutliche Stimme. Ohne sie würde ein unersetzbarer Beitrag fehlen. Die Kirchen und wir Christen können und müssen ein Teil des Kitts sein, der für den gesellschaftlichen Zusammenhalt notwendig ist.
Atheistische Anmerkung: Es ist immer wieder höchst spaßig, wenn kirchennahe Leute vermeinen, sie könnten mit Appellen und Thesen eine Rückkehr in religiöse Zeiten erreichen. Dazu wird den Menschen unterstellt, sie suchten nach Orientierung und Halt und täten das im Geistbereich und nicht in der Realität des Lebens. Die Kirchen waren dereinsten ein Zusammenhalt, weil sie die Köpfe der Menschen durch Terror beherrschten, wer nicht dem Glauben folgte, hatte mit ewiger Verdammung zu rechnen. Dieser Kitt klebt heute immer weniger. Zwar ist im Volke noch der Brauch vorhanden, Religion als vorhandenen Bestandteil des Daseins zu sehen, Kinder werden oft noch getauft, erhalten Religionsunterricht, heiraten vielleicht sogar kirchlich und die Verstorbenen werden oft kirchlich beigesetzt. Beim Leben im Alltag hat Religion kaum noch eine Bedeutung, in die Hölle kommt man in den christlichen Großkirchen nimmer und die christlichen Benimmregeln spielen keine Rolle mehr, sonntäglicher Kirchbesuch ist das Hobby für kleine Minderheiten. Der Kirchenkitt ist ausgedörrt.

Weber:
Unser Staat beruht letztlich auf Werten, die er selbst nicht geschaffen hat. Ohne Kirchen und Christen wäre das Deutschland, wie wir es heute kennen, kaum denkbar. Nur ein Beispiel: Ohne kirchliches Einmischen, katholische Soziallehre und evangelische Sozialethik wäre unser Sozialstaat so nicht entstanden. Mit Soziallehre und Sozialethik wurden die Umbrüche der industriellen Revolution abgefedert und das Los der Arbeiter erheblich verbessert. Kirchen und Christen waren Mahner und Gestalter in Zeiten des Umbruchs. Heute erfahren wir ähnliche Umbrüche durch Digitalisierung und Globalisierung. Die soziale Marktwirtschaft und ihr Verständnis eines fairen Wirtschaftens ist gerade aus dem christlichen Geist geprägt worden. Es war moralischer Anspruch, den Marktkräften feste Regeln und damit auch Grenzen zu setzen. Genauso brauchen wir heute beispielsweise einen Beitrag zu den neuen sozialen Fragen unserer Zeit.
Atheistische Anmerkung: Das ist der größte und dümmste Witz in der Weber-Predigt!! "Ohne kirchliches Einmischen, katholische Soziallehre und evangelische Sozialethik wäre unser Sozialstaat so nicht entstanden." Noch dümmer geht's wirklich nimmer!! Hat der Herr Weber schon mal was von der Arbeiterbewegung gehört? Vom organisierten Widerstand gegen die grausame Ausbeutung unter der geistigen christlichen Herrschaft? Und davon, dass der Papst noch im 20. Jahrhundert die Zugehörigkeit zu sozialistischen Bewegungen elementar verurteilt hat? Unbarmherzig hieß es in den Enzyklika Quadragesimo anno von Papst Pius XI. von 1931: "Der Sozialismus, gleichviel ob als Lehre, als geschichtliche Erscheinung oder als Bewegung, auch nachdem er in den genannten Stücken der Wahrheit und Gerechtigkeit Raum gibt, bleibt mit der Lehre der katholischen Kirche immer unvereinbar. Er müsste denn aufhören, Sozialismus zu sein: der Gegensatz zwischen sozialistischer und christlicher Gesellschaftsauffassung ist unüberbrückbar." Und die sozialistische Bewegung hat den Sozialstaat trotzdem erkämpft, gegen die herrschende katholische Soziallehre und evangelische Sozialethik!!!
Die "soziale Marktwirtschaft" war kein christliches Produkt, sondern eine Maßnahme im internationalen Klassenkampf: wenn es den Menschen im Kapitalismus besser geht, dann hat der Sozialismusblock wenig Chancen zur Ausweitung. Mit dem Konkurs der Sowjetunion wurde die soziale Marktwirtschaft sogleich entsorgt.

Weber:
Die Diskussion ist auch für engagierte Christen und Kirchen in vielen sozialpolitischen Bereichen problematisch. Was wäre das für eine Gesellschaft, wenn die Kirchen sich aus ihren Aufgaben bei der Kinderbetreuung, Flüchtlingshilfe und anderen Sozialeinrichtungen zurückziehen würden? Eine Debatte "Praktisches Engagement ja, aber politisch dürft ihr euch nicht einmischen" kann schon deshalb nicht richtig sein.
Atheistische Anmerkung: Die kirchlichen Beteiligungen in sozialpolitischen Bereichen erfolgen überall auf öffentliche Kosten, mittels Spendensammlungen oder auf Nutzerkosten, Kirchengeld wird dafür keines verschwendet!

Weber: Die Zeiten im letzten Jahrhundert, in denen die Kirchen aus dem öffentlichen und politischen Raum verbannt wurden, waren keine guten für Deutschland. Deshalb bin ich überzeugt: Kirchen und Christen müssen sich politisch zu Wort melden. Heute notwendiger denn je.
Atheistische Anmerkung: In der NS-Zeit hat es kaum organisierten christlichen Widerstand gegeben, nennenswert ist nur die "Bekennende Kirche" und der "Pfarrernotbund" des Protestanten Martin Niemöller (1892-1984), der ab 1937 als "persönlicher Gefangener des Führers" in Einzelhaft in den KZs Sachsenhausen und Dachau einsaß, 1945 bedauerte er öffentlich, dass die evangelische Kirche den Nazis nicht offener entgegengetreten sei. In der DDR waren die Kirchen ihrer gesellschaftlichen Macht entkleidet worden, geblieben ist davon, dass das Gebiet der Ex-DDR sehr religionsfrei ist.

Ähnlich wie bei Weber 2016 werden Kitt & Keil auf der Site www.kirche-und-leben.de auch 2017 gesehen:

"In seinen Thesen beschreibt der Minister unter anderem Religion als »Kitt und nicht Keil der Gesellschaft«. Dafür stünden in Deutschland »die Kirchen mit ihrem unermüdlichen Einsatz für die Gesellschaft«. Sie verbänden Menschen, nicht nur im Glauben, sondern auch im täglichen Leben, in Kitas und Schulen, in Altenheimen und aktiver Gemeindearbeit. Ein solcher Kitt für die Gesellschaft entstehe aber nicht nur in der christlichen Kirche, sondern auch in der Synagoge und in der Moschee, schreibt de Maiziere weiter. Deutschland sei zudem von einem besonderen Staat-Kirchen-Verhältnis geprägt: »Unser Staat ist weltanschaulich neutral, aber den Kirchen und Religionsgemeinschaften freundlich zugewandt«."
Atheistische Anmerkung: ja, der fremdfinanzierte unermüdliche kirchliche Einsatz wird eben gerne propagandistisch genutzt, auch wenn's bloße Geschäftstätigkeit im Sozialdienstsektor ist. Dass Religion Kitt sein kann, merkt man im Islambereich, aber das ist kein gesellschaftlicher Kitt, sondern ein parallelgesellschaftlicher! Und das ist das Gegenteil vom gesellschaftlichen Kitt!

Als europäische Leitkultur sind die Errungenschaften der Aufklärung und der Säkularismus zu sehen!